Wie alles Begann

 

Treuer Freund
von
Helene Henke

 

 

Krinfelde 1496
  „Bleib bei mir, mein Engel der Nacht.“ Noch schlaftrunken klang Annas Stimme wie ein sanftes Gurren. Sie setzte sich im Bett auf und streckte sich. Das Licht des ersten Morgengrauens drang durch die Butzenscheiben und warf einen silbrigen Schein auf ihre bloßen Brüste. Mit einem zufriedenen Seufzer ließ sie ihren Kopf sinken. Ihre dunklen Locken ergossen sich über seinen nackten Unterleib, wie ein weicher Lendenschurz. Sofort zog ein erregendes Prickeln durch seine Lenden.
  Das Kaminfeuer war bis auf die Glut herunter gebrannt. Dennoch war es warm. Als hätte das weiträumige Schlafgemach die Hitze ihrer Leiber nach der Liebesnacht gespeichert. Rudger lehnte gegen dicke Kissen und blickte auf die Frau in seinem Schoß.
 „Das willst du doch gar nicht.“ Seine Finger glitten durch ihr Haar.
 Ihre vollen Lippen formten sich zu einem Schmollmund. Kleine Fältchen bildeten sich auf ihrer Oberlippe und ließen sie hinreißend aussehen. „Warum kannst du mich nicht lieben?“
 „Das tu ich doch. Auf eine ganz spezielle Art.“
 „Ja, Rudger von Hallen, das tust du tatsächlich“, meinte sie mit einem kecken Zwinkern. „Du bringst meinen Körper zum Singen, für eine ganze Nacht, wann immer du mich aufsuchst.“
 Es war ein Wortspiel, das dem Augenblick entsprang. Ohne wirklichen Ernst. Dennoch war es mehr als eine Affäre, weil sie eine tiefe Vertrautheit verband. Häufig führten ihn seine Geschäfte ins Herzogtum Kleve. Seit Jahren lag das prächtige Stadthaus, in dem Anna mit ihrem Mann Eduard von Arnsberg lebte, als Herberge auf seiner Strecke. Als er Anna kennenlernte, war sie bereits seit fünf Jahren verheiratet. Die Ehe war kinderlos. Schnell hatte Rudger erkannt, dass die junge Gräfin unter der lieblosen Ehe mit einem sauertöpfigen Mann zu welken begann.
 Ihre heimliche Liaison barg für Anna mehr Gefahren, als für Rudger. Dennoch spielten sie mit dem Feuer. Über ein Jahr lang. Irgendwann hatte sie ihm mitgeteilt endlich schwanger zu sein. In der Hoffnung ihre Ehe zu retten, bat sie Rudger damals das Verhältnis zu beenden. Doch das Glück war nicht von langer Dauer. Ihre seltenen Briefe bekamen einen traurigen Beiklang. Schon in den ersten Jahren nach der Geburt des Kindes, zog sich Eduard immer mehr von seiner Familie zurück und widmete sich seinen Handelsreisen. Es gab Momente in denen Rudger bedauerte, dass Anna nicht frei war, doch grundsätzlich akzeptierte er die Lage der Dinge. Warum ihm das relativ leicht fiel, konnte er sich selbst nicht erklären. Er fühlte sich ihr verbunden, schätzte ihre Gesellschaft und genoss die gemeinsamen Nächte. Trotzdem war er nicht unglücklich, wenn er auf seinen eigenen Gutshof zurückkehrte.
 Eine verzweifelte Nachricht von Anna veranlasste Rudger eines Tages zurückzukehren. Die mittlerweile sieben Jahre alte Tochter Adelia war auf dem Weg zur Klosterschule für höhere Töchter nach einem Überfall verschwunden. Rudger schloss sich Eduards Suchtrupp an. Tagelang durchsuchten sie das Gebiet, in dem der Kutsche aufgelauert worden war. Doch bald mussten sie einsehen wie sinnlos die Suche war. Es verschwanden ständig Menschen in diesen unruhigen Zeiten. Söldnertruppen des Bischofs von Köln streiften regelmäßig durch die vorwiegend protestantische Gegend um Krinfelde. Ihren Auftrag für Ordnung zu sorgen, was soviel bedeutete wie abtrünnige Protestanten davon zu überzeugen, zum wahren Glauben zurückzukehren, verstanden die Söldner als Aufforderung zum Brandschatzen und Plündern. Rudger wollte sich nicht vorstellen, was dem Mädchen zugestoßen sein könnte.
 Während ihr Gatte den Schmerz über den Verlust des Kindes offenbar nur ertrug, indem er weiterhin fernblieb, trieb er Anna zurück in Rudgers Arme. Erst nach Eduards Tod vor sechs Jahren endeten die Heimlichkeiten. Die Leute redeten natürlich über den Freund des Verstorbenen, der die Witwe in ihrer Trauer tröstete. Ihre Affäre war in aller Munde. Hinter vorgehaltener Hand. Doch kümmerte es ihn nicht weiter.
 Auf seine Weise liebte er Anna, die nun die Geschäfte ihres verstorbenen Gatten übernommen hatte, doch es genügte nicht für mehr. In seinem Alter waren die meisten Männer verheiratet, allerdings selten aus Liebe. Für Rudger kam eine solche zweckmäßige Verbindung nicht infrage. Anna forderte ihn mehr als einmal auf, er solle doch diese Bauernansammlung Krinfelde verlassen und zu ihr ins zivilisierte Kleve ziehen. Doch es zog ihn nicht in die Stadt.

 Mit massierenden Bewegungen fuhr Annas Hand über seinen Bauch hinauf, bis ihre Fingerspitzen sich sanft in die Haare auf seiner Brust gruben. Aus seinem Zopf hatten sich lange, blonde Strähnen gelöst. Sie griff nach einer und zwirbelte sie zwischen den Fingern.
 „Wie goldener Flachs“, murmelte sie, scheinbar gedankenverloren, während sie mit ihren lasziven Bewegungen erneut die Lust in ihm entfachte.
 „Wie kann man nur so unverschämt gut aussehen? Wie alt bist du jetzt, Rudger?“
 „Vierunddreißig.“
 Das wusste sie genau, schließlich war sie genauso alt. Obwohl sie eine selbstbewusste Frau war, würde sie ihn nicht direkt auf die Möglichkeit zu heiraten ansprechen. Doch Rudger ahnte, dass sie die zahlreichen Anträge anderer Männer nicht nur aus Gründen der Unabhängigkeit ablehnte.
Genug des Geplänkels, er griff nach ihr und zog sie zu sich hinauf. Mit einem leisen Aufschrei landete sie in seinen Armen.
 „Dir ist schon klar, was du mit deinen Liebkosungen angerichtet hast?“ Eine Antwort war nicht nötig. Er küsste sie. Sofort erwiderte sie seinen Kuss, öffnete ihre Lippen und kam ihm mit der Zunge entgegen. Schauder rannen über seinen Körper und pulsierten in seinen Lenden. In einer innigen Umarmung zog er sie unter sich und drang tief in sie ein. Genussvoll schloss er die Augen, um das Feuerwerk in seinem Kopf zu genießen.
 „Ja, ich weiß was ich angerichtet habe“, hauchte Anna in sein Ohr.

 Weit nach der Sperrstunde, erreichte Rudger das Klever Gasthaus, in dem er untergebracht war. Trotz der gesetzlich auferlegten Nachtruhe, herrschte im Schankraum noch reger Betrieb. Eine Mischung aus Alkoholdunst und Schweiß hing in schweren Schwaden in der Luft. Mitten unter dem einfachen Volk saßen am hintersten Tisch ein Adliger mit zwei Söldnern, sowie zwei weitere Männer in ein Würfelspiel vertieft. Wie so oft fanden sich hohe Herrschaften hier ein, um ein paar arme Schlucker zum Spiel zu überreden. Von ihnen erwarteten sie offenbar wenig Widerspruch. Daran schienen sie ein abartiges Vergnügen zu haben, zumal sie geübte Spieler waren. Den freudlosen Gesichtsausdrücken der einfachen Männer am Tisch war deutlich anzusehen, dass ihnen schon der Großteil ihres Lohns aus der Tasche gezogen worden war. Rudger erkannte den Vasallen Johann, ein Verwandter des gleichnamigen Johann von Jülich-Kleve-Berg. Allerdings hatte dieser wenig gemein mit seinem als friedfertig bekannten Onkel.
 Ohne Aufforderung stellte der Wirt ihm einen Humpen Bier auf den Tresen. Er nickte dem Mann dankend zu und trank das gut Gebraute mit großen Schlucken.
 „Hey, van Hallen, Ihr seht so entspannt aus. Wie wärs mit einem Spielchen?“, brüllte Johann herüber.
 Leise schnaufend wechselte Rudger einen Blick mit dem Wirt, bevor er sich umwandte und seinen Krug zum Gruß hob.
  „Ich spiele heute nicht.“
 „Ach, kommt schon. Oder hat die lustige Witwe Euch zu sehr zugesetzt? Verstehen könnt ichs ja“, brüllte Johann in Bierstimmung, gefolgt vom grölenden Gelächter der Söldner.
Ohne sich umzuwenden unterdrückte Rudger den Zorn auf diese anzügliche Bemerkung. Ignorieren schien ihm in einem solchen Fall das Beste zu sein. Mit einem Laut des Unmuts ließ er sich ein zweites Bier geben.
 Ein schriller Schrei ertönte von hinten aus dem Schankraum und ließ den Wirt vor ihm zusammenzucken. Sein entsetztes Gesicht ließ darauf schließen, dass es sich wohl um die Tochter des Hauses handelte. Tatsächlich hatte Johann die Schankmagd auf seinen Schoß gezogen und in ihren Ausschnitt gegriffen. Die johlenden Zurufe der Söldner stachelten ihn an, während die beiden anderen Männer schleunigst vom Tisch verschwanden.
 Mit seinem Krug in der Hand bahnte sich Rudger seinen Weg durch das vollbesetzte Lokal. Als er vor dem Tisch ankam verstummte das Lachen der Söldner. Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und knallte ihn auf den Tisch.
 „Wie hoch ist der Einsatz?“
 „Ah, Ihr habt es Euch anders überlegt.“ Mit einem Grinsen stieß Johann das aufgelöste Mädchen grob von sich.
 „Ihr solltet nicht solche abfälligen Reden von Euch geben, Herr Graf“, Rudgers Stimme hatte einen drohenden Tonfall.
 „Und Ihr solltet die Dame ehelichen.“ Der Graf kniff spöttisch die Lippen zusammen.
 „Sollte ich das?“
 „Anna von Kleve lehnt alle Heiratsanträge ab. Die würde nicht mal einem König die gebührende Aufmerksamkeit zollen.“ Mürrisch schüttelte er den Kopf. „Das kommt davon, wenn man Weiber entscheiden lässt.“
 „Ich nehme an hier geht es mehr um ihr Vermögen als ihre Gunst.“
 „Was ist daran ungewöhnlich?“, blaffte Johann und ließ die Würfel über den Tisch rollen.
 Schweigend griff Rudger nach dem Becher und startete das Spiel.
 Die Würfel flogen über den Tisch, Münzen wechselten ihren Besitzer und Starkbier floss in Strömen. Wohlweislich vom Wirt persönlich serviert. Während der ganzen Zeit redete der Edelmann unaufhörlich und sparte dabei nicht mit weiteren Sticheleien. Doch die dämmrigen Schwaden des Alkoholrauschs hatten Rudgers Aufmerksamkeit weitgehend betäubt, sodass er die Bemerkungen nur hin und wieder mit einem gereizten Brummen kommentierte. Viel mehr gab seine schwere Zunge auch nicht her. Allerdings war er nicht so betrunken, dass ihm nicht auffiel wie sein Geldstapel immer kleiner wurde, während Fortuna sich offenbar auf Johanns Seite geschlagen hatte.

 Als sein Mitspieler erneut die Würfel ergriff und seine Hand verdächtig nah an sich zog, packte Rudger mit einer blitzschnellen Bewegung Johanns Hand. Vom Moment überrascht starrte der ihn an und versuchte sein Handgelenk aus dem harten Griff zu befreien. Ohne ihn loszulassen stand Rudger auf und drückte mit aller Kraft zu. Unter einem lauten Ächzen öffnete der Adlige die Hand. Gezinkte Würfel, auf jeder Seite mit derselben Zahl versehen, kullerten über die Tischplatte. Im Raum ertönten die empörten Rufe der Anwesenden. Ein Falschspieler, dachte er sich es doch. Mit seinem ständigen Gerede hatte der Kerl versucht ihn abzulenken. Das war vermutlich seine Strategie und schien bislang gut funktioniert zu haben. Wie viele brave Bürger er wohl schon um ihr Geld gebracht hatte, ließ sich aus der Stimmung im Schankraum entnehmen. Aggression und Zorn schwappte über die Männer, die sich mit düsteren Gesichtern näherten.
 Ohne das Handgelenk loszulassen holte Rudger mit der anderen Hand aus. Seine Faust krachte in das eben noch hämische Grinsen. Befriedigend zog der Schmerz durch seine Fingerknöchel, als Johanns Nase mit einem leisen Knirschen brach. Sofort sprangen die Söldner auf und stürzten sich auf Rudger. Johann kippte unterdessen mit seinem Stuhl nach hinten und knallte auf den Holzboden. Beflügelt vom Adrenalin und Alkohol, traf Rudger mit einem weiteren Faustschlag einen der Söldner. Mit einem kräftigen Fußtritt konnte er den anderen in die aufgebrachte Menge befördern Sofort ergriffen die Männer die beiden Söldner, die sich heftig wehrten. Wer konnte brachte sich in Sicherheit, doch die meisten beteiligten sich an der deftigen Schlägerei. Da keiner der einfachen Leute es wagte einen Adligen anzurühren, oblag es Rudger sich weiter mit Johann auseinanderzusetzen.
  Der war inzwischen wieder aufgesprungen und rammte mit dem Kopf in Rudgers Bauch. Im letzten Moment gelang es ihm seine Muskeln anzuspannen, um den Schmerz abzudämmen. Doch die Wucht des Aufpralls riss ihn nach hinten. Zusammen schossen sie durch die prügelnde Meute und schlugen aufeinander ein. Erst als die Söldner, in Anbetracht der Überzahl an Gegnern, fluchtartig aus der Schänke stürzten, bildete sich ein Kreis von Zuschauern um die beiden Kämpfenden. Wüste Flüche und zahlreiche Vorschläge für Vergeltungsmaßnahmen wurden durch den Raum gebrüllt.
Falschspielen war ein unverzeihliches Delikt. Darauf stand eine ganze Reihe von Strafen, wie beispielsweise gehenkt oder für vogelfrei erklärt werden. Davor schützte auch ein adliger Stand nicht. Aber auch wenn die Männer darauf hofften, wollte Rudger sich nicht der Selbstjustiz schuldig machen. Eine Lektion würde er dem windigen Schlitzohr auf jeden Fall erteilen. Ein letzter vernichtender Fausthieb riss Johann von den Füßen. Rudger wischte sich das Blut vom Mundwinkel und wartete bis sich sein Gegner wieder aufgerappelt hatte. Sofort stürzte sich Rudger erneut auf ihn, griff seine Kehle und schmetterte Johann auf den einzig noch stehenden Tisch. Als Johann das Messer in Rudgers Hand erblickte, quiekte er wie ein Schwein. Ebenso wie die umstehenden Männer, deren Zurufe zu einem ohrenbetäubenden Johlen anschwollen, ahnte der Kerl was ihm blühte. Mit einer geschickten Handbewegung griff Rudger dessen Ohr und schnitt es mit einem einzigen Messerhieb ab. Johann heulte auf und griff sich an die Wunde. Blut quoll zwischen seinen Fingern hindurch, während er vom Tisch rollte. Die Menge applaudierte begeistert, denn so war der Falschspieler bis an sein Lebensende gezeichnet. Der würde so schnell niemanden mehr betrügen.
  „Und jetzt verschwindet“, donnerte Rudger.
 Es war den Männern deutlich anzusehen, dass sie sich beherrschen mussten, um den blutenden, edlen Herrn nicht mit ein paar Tritten hinaus zu befördern. So machten sie Platz, damit der Falschspieler auf den Ausgang zu torkeln konnte.
Unterdessen kam Rudger langsam wieder zu Atem. Während er sich das schmerzende Kinn rieb, steckte er sein Messer wieder in den Gürtelschaft. Er spukte einen Schwall Blut auf den Boden. Danach kontrollierte er mit der Zunge, ob alle seine Zähne noch an ihrem Platz saßen. Nicht ohne Anerkennung musste er dem adligen Falschspieler einen überraschend kräftigen Faustschlag bescheinigen.
 Mit einem Pfiff erlangte er die Aufmerksamkeit des Wirtes, der bereits Hammer und Nagel zur Hand genommen hatte. Rudger warf ihm das abgeschnittene Ohr zu, welches sogleich seinen Platz erhielt, an der Holzwand der Theke. Neben anderen Andenken.

 Die Sonne neigte sich gen Westen und schien in Rudgers Gesicht während er die Hohe Straße in Richtung Krinfelde ritt. Genüsslich hob er sein Gesicht in die Sonnenstrahlen und reckte seine Glieder. Soweit es seine Position im Sattel zuließ. Die gestrige Schlägerei hatte ein paar Blessuren hinterlassen und die Wärme des Maitags tat ihm gut. Nach einer Weile bemerkte er in der Ferne einen Tumult. Von Reitern aufgewirbelter Staub nahm ihm die Sicht, doch Stimmgewirr und grelle Schreie drangen bis zu ihm. Während er noch versuchte näheres zu erkennen, beschleunigte er sein Tempo. Bald konnte er einen umgestürzten Wagen erkennen, dessen Räder offenbar in die Seitenrinnen der Straße geraten waren, was den Sturz verursacht haben musste. Zwei Söldner waren von ihren Rössern gesprungen und bauten sich mit gezogenen Schwertern drohend vor einem ältlichen Paar auf. Rudger beschleunigte seinen Ritt.
 „Wir haben nichts was wir Euch geben könnten. Lasst uns in Frieden“, rief die alte Frau und wurde sofort von ihrem Mann hinter seinen Rücken gezogen.
 „Ach, halt die Klappe, alte Mähre. Was habt ihr geladen?“ Der Söldner hieb sein Schwert in die noch im Wagen verbliebenen Säcke. Das meiste hatte sich bereits über den Straßenrand ergossen und schien für ihn auf den ersten Blick nutzlos.
 Aufgeschreckt machte der alte Mann einen Satz nach vorne und hängte sich an den Schwertarm des Söldners. „Nichts. Da ist nichts was für Euch von Wert sein könnte. Wir sind arme Flüchtlinge.“
 Der Söldner stieß den Alten mit einem Grunzen brutal von sich, sodass dieser unsanft in den Staub fiel. „Pack mich ja nicht nochmal an, Dreckskerl“, stieß der Söldner aus und trat dem am Boden Liegenden mit voller Wucht gegen den Kopf. Der Alte ächzte laut auf und spuckte zwei blutige Zähne aus.
 Mit einem boshaften Grinsen wandte sich der Kerl an die Frau. „Wir wollen Geld oder Weiber. Also rück mit der Sprache raus.“
 „Weiber wollt ihr? Ich bin das einzige Weib hier, du schmieriger Wegelagerer.“ Die Alte spuckte dem Söldner vor die Füße.
 Im nächsten Moment krachte eine Faust in das Gesicht der Frau. Ihr Kopf flog nach hinten. In einem Wirbel aus schmutzigem Umhang und fliegendem grauem Haar machte der schmächtige Körper einen Satz nach hinten und stürzte auf den Boden.
Der andere Söldner hielt sich derweil den Bauch vor Lachen. „Und ich dachte schon, du wolltest dir die Greisin vornehmen. Das wäre ja mal eine Vorstellung“, verhöhnte er seinen Kumpanen.

 Rudgers Müdigkeit verflog. Verfluchte Söldner. Machten nichts als Ärger. Der Anblick von zwei voll bewaffneten Kerlen, die völlig grundlos über zwei alte Leute herfielen, ließ jeden einzelnen Muskel in seinem Körper vor Anspannung vibrieren.
„Hey da!“ Nur noch wenige Meter lagen zwischen ihm und der Gruppe. Er zog sein Schwert aus der rechten Satteltasche. Beide Söldner fuhren herum. Na, wenn das mal nicht seine alten Bekannten vom gestrigen Abend waren. Gerade als sie ihre Schwerter erheben wollten, sprang Rudger im vollen Galopp vom Pferd. Sein Schwert bohrte sich von oben in die Schulter eines Söldners, noch bevor seine Füße den Boden berührten. Zusammen mit dem Sterbenden fiel er auf den Boden, wodurch sich der Druck auf sein Schwert noch erhöhte. Knochen splitterten bevor die Waffe schmatzend in die Weichteile drang. Hinter sich vernahm er die stampfenden Schritte des zweiten Söldners. Mit einer fließenden Bewegung riss Rudger sein Schwert aus dem Kerl. Halb hockend, fuhr er blitzschnell herum. Sein Schwert schnellte mit einem surrenden Geräusch durch die Luft. Blut spritzte in sein Gesicht, als er eine klaffende Wunde in den Bauch seines Angreifers riss. Dieser stürzte kopfüber zu Boden, wo er von Rudger mit einem letzten Hieb getötet wurde.
 „Oh, mene arme Edda“, jammerte der Alte und raufte sich die Haare.
 Rudger beugte sich über die Frau und strich ihre eine schlohweiße Haarsträhne aus dem Gesicht. An ihrer faltigen Stirn blutete eine böse Platzwunde. Doch sie war bei Bewusstsein und stöhnte.
  „Sie kommt wieder in Ordnung, Mann. Auf meinem Gut lebt ein Heiler, er wird sich um sie kümmern. Wie ist Euer Name?“
 „Konrad Knecht, Herr“, antwortete der Alte mit einem erleichterten Seufzen.
 Doch schon im nächsten Moment fuhr er zusammen, als wäre ihm etwas Wichtiges eingefallen. Er rannte um den umgestürzten Karren herum. Völlig aufgebracht fing er damit an, die Ladung zur Seite zu räumen. „Wir müssen se da raus holen.“
Verwundert erhob sich Rudger und folgte ihm. „Wen musst du daraus holen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, lehnte er sein Schwert gegen das Rad und schob den Alten zur Seite. Mit kräftigen Handgriffen hob er mehrere Säcke und allerlei Gerümpel aus den Wagen.
 „Dat Mädsche‘. Sie saß noch im Wagen als er umstürzte. Bestimmt isse verletzt.“ Konrad rang mit den Händen.
 Unter einem braunen Umhang vergraben erblickte Rudger eine gekrümmte Gestalt, die heftig zusammenzuckte, als er sie berührte. Er stutzte einen Augenblick, dann griff er nach dem zitternden Bündel und hob es schwungvoll heraus. Das Mädchen hatte einen zierlichen Körper, der kaum etwas wog. Nachdem er sie auf die Füße gestellt hatte, wich sie mit gesenktem Haupt einige Schritte zurück. Sofort war Konrad bei ihr, tastete sie vorsichtig ab und murmelte tröstende Worte. Dabei schien er besonders darauf bedacht ihr Gesicht tief unter der Kapuze ihres Umhangs zu verbergen. Obwohl die Gefahr inzwischen gebannt war, schien man ihm dennoch misstrauisch zu begegnen.
 „Mene Nichte Lea, Herr. Sie sprischt nisch“, erklärte Konrad und wich dabei Rudgers Blick aus. Irgendwas kam ihm seltsam vor. Doch das Mädchen schien keine Angst vor dem Alten zu haben.
 „Deine Nichte. Bist du sicher?“
 „Ja, ja, Herr.“ Dieses Mal wagte er einen kurzen, linkischen Blick.
 „Warum hast du sie unter deiner Habe versteckt?“
 Jetzt weiteten sich die Augen des Alten.
  „Na, um se zu beschützen, vor räudigen Kerlen wie denen da.“ Er deutete mit einem krummen Finger auf die Leichen der beiden Wegelagerer. „Isch konnte die Jungfer doch nich in deren Hände fallen lassen. Schaut sie euch an, dann versteht ihr, was ich meine.“ Er wandte sich dem Mädchen zu. „Komm her Kind, zeig dich dem Herrn.“
 Lea trat vor Rudger, hob den Kopf und zog dabei ihre Kapuze ein Stück nach hinten.
 Die Schönheit des etwa vierzehnjährigen Mädchens war atemberaubend. Die etwas zurückgezogene Kapuze gab den Blick frei auf einen hellblonden Haaransatz. Sie war hoch gewachsen und schlank. Ihre fein geschnittenen Gesichtszüge glichen einem Gemälde. Eine aristokratische Nase ohne Makel, die rosigen Lippen herzförmig. Ihr Blick blieb gesenkt, doch unter dem dichten Wimpernkranz konnte er blaue Augen erahnen.
 Rudger nickte und griff nach seinem angelehnten Schwert, um es zurück in die Halterung am Sattelgurt zu stecken. Die Erklärung war plausibel. Junge Mädchen schwebten auf Reisen stets in großer Gefahr. Dennoch verblieb ein Rest Skepsis. Ein unbestimmtes Gefühl, das man ihm etwas verheimlichte. Doch er wollte es vorerst dabei belassen. Jetzt musste die verletzte Frau versorgt werden. Vorher mussten sie den Wagen wieder aufrichten. Er pfiff sein Pferd herbei und band die Zügel an den Karren. Dann wies er Konrad an, das Tier zu führen bis sich die Zügel spannten, während er von der anderen Seite den Wagen mit aller Kraft anhob. Rumpelnd kam das Gefährt auf seinen Rädern zum Stehen, ohne das eine der Speichen dabei brach.
 Sie bereiteten aus weichen Säcken ein Lager auf dem sie Edda legten. Das Mädchen war stumm auf den Wagen geklettert und setzte sich zu der alten Frau. Die zwei Pferde der Söldner band Rudger hinten an den Wagen. „Wir sollten aufbrechen, bevor es dunkel wird. Kannst du den Wagen lenken oder bist du verletzt?“ Er hatte bemerkt, dass Konrad humpelte.
 „Ne, ne, Herr, misch jeht et jut.“
 Erst am späten Abend trafen sie auf Rudgers Gutshof ein. Nachdem die Wunden der verletzten Edda versorgt waren, nahmen sie ein Nachtmahl ein. Der alte Mann bedankte sich mehrfach für die Hilfe und Rudger spürte, dass er die Hoffnung hegte mit seiner Familie länger bleiben zu können. Seine Gäste hatten eine lange Reise aus dem Osten des Landes hinter sich und kehrten nun in ihre Heimat zurück, weil dort immer noch politische wie religiöse Unruhen herrschten. Durch Übervölkerung ausgelöste Hungersnöte und Epidemien trieben immer mehr Menschen in den Westen.
 Das alte Ehepaar hatte ein raues Leben hinter sich. Für sie würden sich sicher Möglichkeiten finden sich auf seinem Hof nützlich zu machen. Außerdem sei Edda, nach Konrads Aussagen, eine hervorragende Köchin. Was das Mädchen betraf, so hegte Rudger Zweifel, ob sich für sie eine geeignete Aufgabe finden ließ. Ihre zarten Hände ruhten gefaltet in ihrem Schoß. Keine Risse oder Schwielen. Die angebliche Nichte dieser einfachen Leute hatte offensichtlich noch keine schweren Arbeiten in ihrem Leben verrichtet.
 Nach einer Weile, wies er seinen Gästen ihre Kammern zu und begab sich selbst zur Nachtruhe.
Es roch nach sonnengereiftem Kornfeld, das dazu einlud einen arbeitsreichen Tag zu unterbrechen, um sich für eine Weile in seine weiche Fülle fallen zu lassen. Tief sog Rudger den Duft ein und genoss die seinen Körper umhüllende Wärme. Etwas streichelte zart über sein Gesicht. Vermutlich die Kinder der zahlreichen Erntehelfer, die mit den Pausen der Erwachsenen nichts am Sinn hatten. Vielmehr hofften sie darauf, dass Rudger im nächsten Moment aufsprang und sich auf ihr Fangspiel einlassen würde, damit sie kreischend davonstieben. Er lächelte in sich hinein. Umgeknickte Grashalme kitzelten seine Wange wie gehauchte Küsse. Eine kaum wahrnehmbare Berührung, als würden ihn die Flügel von Schmetterlingen streifen. Langsam öffnete er die Augen zu einem schmalen Spalt, um sich auf den blendenden Sonnenschein vorzubereiten. Ein blonder Flechtzopf baumelte direkt vor seinem Gesicht, getaucht im warmen Schein des Kaminfeuers.
 „Wie goldener Flachs“, murmelte er. Die Worte waren ihm entschlüpft, bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte.
 Kaminfeuer?
 Irritiert folgte er der Bewegung des goldenen Haars und erblickte die knospenzarten Brüste eines jungen Mädchens.
 Schlagartig wurde er wach. Ein Adrenalinstoß schoss durch seinen Körper, ließ ihn hochfahren. Im Bruchteil einer Sekunde war er in die entgegengesetzte Ecke des Bettes gerutscht.
 „Meine Güte, was tust du hier? Wie bist du hier reingekommen?“ Wie vom Donner gerührt griff Rudger nach der Decke, um sie über seinen Körper zu ziehen.
 Das Mädchen Lea hockte nackt vor ihm auf dem Bett und betrachtete ihn stumm. Ihre mitternachtsblauen Augen schimmerten feucht wie tiefe Seen. Das schmale Gesicht wirkte dadurch noch zarter. Sie wirkte gefasst. Wie jemand, der sich dem Schicksal ergeben hatte. Doch ihre zitternde Unterlippe verriet ihre Angst und ließ sie gleichzeitig hinreißend aussehen. Sofort wurde ihm klar, dass man sie zu ihm geschickt hatte.
 Ein warmer Druck breitete sich in seinem Magen aus, weckte den Impuls, das Mädchen in die Arme zu nehmen. Sie zu trösten, ihr zu versprechen alles würde gut werden. Doch sie war nackt. Obgleich wunderschön und niedlich, gab es nichts an ihr, dass in irgendeiner Form Begierde in ihm erweckte. In seinen Augen glich sie mehr einem Kind, als einer erwachsenen Frau.
 „Bedeck dich!“, befahl er ungewollt schroff. Im nächsten Moment tat es ihm leid, denn Lea zuckte zusammen und griff gehorsam nach ihrem Umhang.
 Wut stieg in ihm hoch. Offenbar hatte er dem alten Konrad diese nächtliche Überraschung zu verdanken hatte. Er sprang aus dem Bett und zog seine Hose an. „Komm“, sagte er und wies ihr den Weg zur Tür. „Ich denke, ich sollte mich mal mit deinem Onkel unterhalten.“ Um sie nicht zu verschrecken, bemühte er sich seine Stimme möglichst ruhig klingen zu lassen. Seine Empörung über ihre leichtfertigen Verwandten konnte er dennoch kaum beherrschen.
 Mit leicht gerunzelter Stirn nickte sie und lief brav vor ihm den Gang entlang. Ihr langer Zopf schwang sachte an ihrem Rücken. Wie sie so vor ihm herlief wirkte sie so schutzbedürftig, dass sich in ihm blanker Zorn regte. Die wenigsten Männer hätten dieses vermeintlich großzügige Angebot ausgeschlagen.

 Ohne Anzuklopfen stürmte er in die Kammer, in der Konrad und seine Frau untergebracht worden waren. Beide fuhren gleichzeitig auf ihrem Lager hoch und starrten ihm entgegen.
 „Was sollte das? Seid ihr von Sinnen?“, donnerte Rudger so laut, das vermutlich gleich sein ganzes Gesinde aufgeschreckt werden würde. Anklagend deutete er auf Lea, die mit eingezogenem Kopf neben ihm stand.
 Konrad sprang überrascht auf und verneigte sich demütig. „Verzeiht, Herr, wir wussten nich wie wir uns für Eure Jüte bedanken sollten. Wir besitzen doch nix. Ihr habt uns dat Leben jerettet. Nich nur dat, sondern auch die Ehre des Mädsches.“
 „Ach? Und da setzt ihr die Unschuld Eurer Nichte so leichtfertig aufs Spiel?“ Bemüht seinen Zorn im Zaum zu behalten, klangen seine Worte wie ein verächtliches Grollen. Draußen auf dem Gang quietschten verschiedene Türen. Seine Leute waren nicht daran gewöhnt ihren Herrn so wütend zu erleben. Doch dieser unverantwortliche Handel mit dem Schicksal eines blutjungen Mädchens brachte ihn so auf, dass er über sich selbst überrascht war.
 „Es gibt wahrlich Schlimmeres, als seine Unschuld an einen feinen Herrn wie Euch zu verlieren. Bei Euch hätte sie es gut. Ihr würdet sie sicher nicht fortjagen“, krächzte Edda.
 Offenbar hatte sich die Alte schnell wieder erholt.
 „Was soll das heißen? Sie ist Eure Nichte. Wie oft musste sie das schon über sich ergehen lassen?“
 Für einen Moment herrschte Schweigen. Die Alten starrten ihn fassungslos an, bis Konrad endlich seine Sprache wiederfand. „Noch nie, Herr. Dat Mädel ist unberührt, von tadellosem Ruf“, stammelte er.
 Mit einem Mal wirkten die beiden als hätte man sie bei etwas ertappt. Rudger fixierte sie mit festem Blick. „Sie ist überhaupt nicht eure Nichte.“
 Mit betroffenen Gesichtern neigten sie ihre Köpfe zur Seite. Dann nahm Konrad seinen Mut zusammen und wandte sich Rudger wieder zu. „Nein, wir haben sie … naja … gefunden.“ Er rang mit den Händen.
  „Ihr habt sie entführt?“, fragte Rudger fassungslos.
 „Gott lob, nein, Herr. Nicht entführt. Sie reiste mit‘ m fahrenden Volk aus Rumänien, als Attraktionen. Versteht Ihr?“
 „Nein. Was für eine Attraktion sollte dieses Mädchen denn sein? Machst du Witze, Mann?“ Schließlich hatte er das Mädchen vorhin nackt gesehen und keine Spur von einer Missbildung oder Verkrüppelung ausgemacht. Denn darum ging es bei den sogenannten Attraktionen der Zirkusleute.
 Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sich Rudger einen Stuhl heran und setzte sich. „Ich rate dir, mir die ganze Geschichte zu erzählen, sonst findet ihr euch morgen auf der Straße wieder. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
 Konrad nickte und setzte sich auf die Bettkante. „Wir ham se mitjenommen und denen wars ejal. Lea ham wir se jenannt, weil se ihren Namen nischt sacht. Dat arme Ding saß den janzen Tach mit dem Unterkörper in‘ nem Wasserbüttel. Obenrum war se nackig, nur dat Haar hing drüber. Die hatten ihr ein albernes Fischkostüm anjetreckt und se als eschte Seejungfrau anjepriesen. Dat Mädel war so blass, sah rischtisch krank aus. Dat konnte man sich doch nischt ansehen.“

 Wie Lea an das fahrende Volk geraten war wusste niemand. Doch die Idee, das schöne Mädchen mit ihrem langen, hellblonden Haar als vermeintliche Nixe zu präsentieren, brachte ihnen ein einträgliches Geschäft. Zumindest solange sie sich in Rumänien aufhielten, wo die meisten Menschen nie zuvor blondes Haar gesehen hatten. Je weiter sie in die deutschen Lande einreisten, wurde ihre Attraktion immer mehr zum Gespött der häufig selbst hellhaarigen Leute. Da half es auch nicht viel, getrocknete Fischschuppen, als magisches Kleinod vom Schwanz der Seejungfrau zu verkaufen. Mit schwindendem Interesse des Publikums, wurde Lea für die Zirkusleute immer mehr zu einem lästigen Anhängsel. Auf Schauplätzen ließen sie sie stundenlang im Wasserbottich sitzen, während sie auf Reisen alle möglichen niederen Arbeiten verrichten musste. Das sie keiner anrührte, verdankte sie ihrer Andersartigkeit. Das stumme, helle Mädchen blieb den Zirkusleuten fremd. Teilweise fürchtete sich das abergläubische Volk auch vor ihr.
  „Warum ließen sie euch so einfach ziehen?“ Rudgers Wut war verraucht. Stattdessen empfand er aufrichtigen Respekt gegenüber den alten Leuten für ihr Mitgefühl.
 Dieses Mal ergriff Edda das Wort mit überraschend akzentfreier Aussprache. „Die hatten eine neue Attraktion, einen echten Vampir. Den halten sie bei Tag in einem Sarg versteckt und am Abend lassen sie die Leute gaffen.“
 „Ach, schweig Weib, dat is doch alles Hokuspokus, genau wie bei dem Mädel“, warf Konrad ein.
 „Ich hab sie doch selbst gesehen. Ein Geist mit riesigen Zähnen“, sagte die Alte.
 „Nun, gut.“ Mit einer Handbewegung forderte Rudger die beiden auf zu Schweigen. „Ich glaube euch was Lea betrifft. Doch hier kann sie nicht bleiben. Das wäre kein Leben für sie. Ich werde sie morgen zu einer Freundin bringen.“ Neben ihm fuhr das Mädchen zusammen. „Es wird dir dort gut gehen. Anna von Arnsberg ist eine Gräfin und hat viel Platz in ihrem Haus. Außerdem besteht der größte Teil ihres Personals aus Frauen, einige sind in deinem Alter. In ihrem Haushalt bist du besser aufgehoben.“
 „Was euch betrifft“, wandte er sich wieder an die Alten. „Es steht euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Anzubieten habe ich einen Platz als Knecht und als Köchin.“
 Erleichtert ergriff Konrad Knecht die Hand seiner Gattin und zwinkerte seinem neuen Lehnsherren dankbar zu.

 Natürlich hatte das Mädchen auf der ganzen Fahrt nach Kleve kein Wort gesprochen, sondern still dagesessen und aus dem Fenster geblickt. Als die Kutsche vor Annas Haus hielt, war Rudger fast erleichtert. Nachdem er Lea hinaus geholfen hatte, blieb sie wie erstarrt stehen. Mit offenem Mund und geweiteten Augen blickte sie an der imposanten Fassade des dreistöckigen, stuckverzierten Stadthauses hinauf.
 „Ganz schön beeindruckender Kasten, nicht wahr?“ Rudger legte ihr tröstend eine Hand auf ihren Rücken.
 Für einen Moment glaubte er, sie hätte etwas gesagt, doch das Rattern der davon fahrenden Kutsche auf dem Kopfsteinpflaster, verschluckte alle Geräusche. Ein Zittern durchfuhr den Körper des Mädchens. „Du brauchst dich nicht zu ängstigen. Alles wird gut. Vertrau mir.“
 Er schob sie voran und klopfte an der Eingangstür. Annas Dienstmädchen öffnete und strahlte Rudger an, wie sie es immer tat, wenn er zu Besuch kam. Gleichzeitig zog sich eine leichte Röte über ihre Wangen.
 „Meldest du uns bitte bei deiner Herrin an?“
 „Natürlich, Herr von Hallen“, entgegnete die Magd mit einem tiefen Knicks.
 Schnell schloss sie die Tür und eilte davon. Vermutlich schon von seiner Stimme aufmerksam gemacht, kam schon im nächsten Moment Anna mit rauschenden Röcken aus dem angrenzenden Empfangszimmer geeilt
. Ihr Lächeln erleuchtete ihr ganzes Gesicht, ihre Arme waren bereits zu einer Umarmung ausgebreitet. Plötzlich hielt sie so abrupt inne, dass Rudger einen Satz nach vorne machte, weil er dachte sie wäre gestolpert. Das Lächeln gefror auf ihrem Gesicht. Ihr Blick richtete sich an ihm vorbei, zu Lea. Dann fiel sie tatsächlich und er konnte sie noch im letzten Moment auffangen.
 „Das nenne ich einen stürmischen Empfang.“ Er hob die Ohnmächtige auf seine Arme, trug sie in das Nebenzimmer und rief gleichzeitig nach der Köchin.

 Mit einem kräftigen Riechsalz brachte die heilkundige Köchin ihre Herrin schnell wieder zu Bewusstsein. Besorgt blieb sie noch eine Weile auf dem Sofa sitzen und stützte die langsam zu sich kommende Anna.
 „Ist sie krank?“, fragte Rudger.
 Die Köchin blickte mit gerunzelter Stirn auf. „Nein, nicht das ich wüsste. Sowas passiert ihr nur, wenn sie sich … oh, mein Gott.“
 Wenn sie sich sehr aufregt, wollte die Köchin wohl sagen und schien es ihrer Herrin in dem Moment gleich zu tun, als Lea zaghaft den Raum betrat. Verwirrt blickte Rudger in die Gesichter der drei Frauen und wollte gerade den Mund öffnen, um zu fragen, was überhaupt los sei, als hinter ihm Leas leise Stimme erklang.
 „Mama?“
 „Adelia.“ Annas Stimme war kaum mehr als ein Schluchzen.
 Wie auf Kommando stürzte das Mädchen an Rudger vorbei und warf sich in die Arme ihrer Mutter. Eine Weile weinten die beiden in inniger Umarmung. Dann bat Anna die Köchin, sich um das Mädchen zu kümmern, damit sie mit Rudger sprechen konnte.

 Sofort war Rudger bei Anna und zog sie in seine Arme. Die Situation hatte ihn zutiefst berührt. „Sie ist deine Tochter? Ich hatte doch keine Ahnung.“ Schließlich hatte er Annas Kind nie gesehen.
 Mit tränenverschleiertem Blick sah sie ihn an und nahm sein Gesicht in beide Hände.
 „Das ausgerechnet du es bist, der sie mir wiederbringt …“ Sie stockte als müsse sie nach Luft ringen. „Ich hätte es ahnen müssen. Das ist Schicksal.“ Er runzelte die Stirn und drückte sie an sich. Ihre Worte hatten ihn verwirrt, er vermochte sie nicht zu deuten. „Deshalb kam sie mir von Anfang an so vertraut vor“, entgegnete er mehr zu sich selbst.
 Anna löste sich aus seiner Umarmung.
 „Mein Liebster“, sagte sie eindringlich und forschte in seinem Gesicht. „Hast du sie dir denn nicht angesehen?“ Wieder liefen Tränen über ihre Wangen, doch sie lächelte dabei.
 Ihr Anblick traf ihn mitten ins Herz.
 „Doch. Natürlich. Was blieb mir auch anderes übrig. Die Kleine hat bis eben nicht ein einziges Wort gesprochen.“ Unfassbar wie blind er gewesen war. „Ich hätte sehen müssen, dass sie deine Tochter ist.“
 Jetzt lachte sie laut. „Nein, das konntest du nicht. Adelia und ich haben nicht die geringste Ähnlichkeit.“
 „Oh, verzeih. Dann kommt das Mädchen wohl auf ihren Vater.“ Peinlich, das es ihm nicht gelang, sich an Eduards Aussehen zu erinnern.
 „Eduard hatte schwarze Haare. Er war einen halben Kopf kleiner als ich.“ Ihre Stimme hatte einen seltsamen Klang angenommen. „Aber du hast Recht. Adelia sieht tatsächlich aus wie ihr Vater. Sie ist sogar inzwischen sein weibliches Ebenbild.“
 Die Erkenntnis schlug heiße Wellen durch seinen ganzen Körper. Sein Herz schlug wild gegen seine Brust. In seinem Kopf entstand ein Tumult aus Gedanken, die sich in Windeseile zu ihrem rechten Platz begaben, um einen Sinn zu ergeben. Einem rastlosen Impuls folgend, stand er auf und lief im Zimmer auf und ab.
 Natürlich. Anna wurde im ersten Jahr ihrer Beziehung schwanger. Um die Legitimität des Kindes zu wahren, hatte sie ihn darum gebeten sie aufzugeben. Adelia wurde ehelich geboren, als Erbin des Grafen Eduard von Arnsberg. Vielleicht hatte Eduard immer nach Ähnlichkeiten zwischen sich und dem hellblonden Mädchen gesucht. Doch irgendwann musste er es erkannt und sich deshalb von seiner kleinen Familie zurückgezogen haben. „Und du hast es immer gewusst?“ Sie lächelte das wissende Lächeln einer Mutter. „Ja, aber ich schwieg, weil es so das Beste war.“