Leseprobe: „Die Schattenpforte“
Leyla Barth ist es gelungen, als Sterbliche in die altgermanische Unterwelt Niflheim zu gelangen, in der nur äußerst selten Menschen auftauchen. Es sei denn, sie sind tot. Mit Sergejs Hilfe, hat sie den bewusstlosen Meistervampir Rudger von Hallen aus den Fängen der Höllenjungfrau Modgudr befreit.
Plötzlich vernahm Leyla eine Bewegung hinter sich, doch bevor sie sich umdrehen konnte, wurde sie unsanft nach vorne geschubst. Mit einem Aufschrei versuchte sie Rudger aufzuhalten, als er über sie hinweg sprang. Doch ihre Hand fuchtelte haltlos ins Leere.
Sergej reagierte unverzüglich und warf Rudger eines seiner Schwerter zu. Surrend flog die Waffe durch die Luft, landete so zielsicher in Rudgers Hand, als hätte sie schon immer dorthin gehört. Mit derselben Geschwindigkeit wie Sergej, stürzte sich Rudger in die Meute.
Er parierte keine Schläge, vollzog keine geschickten Ausweichmanöver, sondern tötete mit der Eleganz eines Todesengels.
Sein offenes Hemd flog bei jeder Drehung zur Seite, entblößte seine nackte Brust auf beängstigend verletzbare Weise. Für den Bruchteil einer Sekunde gelang es Leyla einen Blick auf seine angespannten Gesichtszüge zu werfen. Fest zusammengepresste Lippen und in den Augen der Ausdruck vollkommener Konzentration.
Jeder seiner Hiebe traf mit unabwendbarer Sicherheit. Blutspritzer schwärzten seine blonden Haarsträhnen, sprenkelten die Wände.
Eine abgetrennte Hand landete vor Leylas Füßen. Ein letztes Zucken durchzog die ledernde Haut der Klaue bis in die verhornten Fingernägel. Den Blick starr auf das Geschehen gerichtet, rutschte Leyla rücklings in die Nische zurück. Mehrmals glitt sie mit den Händen auf Blutschlieren aus.
Einem Impuls folgend tastete sie nach ihrer Pistole. Im selben Moment fiel ihr wieder ein, das sie unbewaffnet war. Nach irgendwas suchend krallte sich ihre Hand in den Stoff ihres Shirts.
Sie musste sich eingestehen, dass sie zur Untätigkeit verdammt war. Abgesehen davon, wären ihre Chancen gegen diese Höllenmeute ohnehin verschwindend gering. Allein die eingeschränkte Bewegungsfreiheit in dieser Dimension, hatte ihren Fähigkeiten einen entschiedenen Dämpfer versetzt. Da half auch ihr Mut nicht weiter. Allerdings war von dem gerade bedenklich wenig zu spüren. Überhaupt war ihr recht seltsam zumute, seit Rudger den Kampf mit Modgudrs Kreaturen aufgenommen hatte.
Unwillkürlich fragte sie sich, wer eben wen beschützt hatte. Sie schüttelte den Kopf über diesen eigenartigen Gedanken. Selbst wenn das Grauen ihr im Nacken saß, blieb ihr nichts anderes übrig, als tatenlos abzuwarten. Und zu hoffen, dass dieser Albtraum möglichst bald ein Ende nehmen würde.
Verzagt drückte sie ihren Rücken fester gegen das kalte Gestein und zog die Beine an. Als sie ihre Knie umschlang, bekam sie etwas Feuchtes zu fassen. Angewidert schleuderte sie den blutigen Fleischfetzen von ihrer Jeans.
Direkt vor ihren Augen tobte der Kampf weiter und hätte sicherlich die kühnsten Vorstellungen eines jeden Fantasiefans übertroffen. Zahlenmäßig waren Rudger und Sergej weit unterlegen, was die beiden allerdings problemlos zu meistern wussten.
Rücken an Rücken wehrten sie jeden sich nähernden Angreifer gnadenlos ab. Dabei bewegten sie sich kaum von der Stelle, behielten ihre stabile Kampfposition bei.
Die entfesselten Kreaturen stürzten kopflos auf sie zu, mit demselben Resultat, als würden sie in eine doppelschneidige Kreissäge rennen. Abgetrennte Gliedmaßen regneten von der Höhlendecke, klatschten auf den einst glänzenden Granitboden. Ein nicht enden wollender Regen aus moderndem Blut. Der Gestank von Eisen und fauligem Fleisch füllte die Luft.
Irgendwann nahm Leyla wahr, dass die Kampfgeräusche aufgehört hatten. Sie wusste nicht, wie viel Zeit inzwischen vergangen war, nur das ihre Finger schmerzten, weil sie sie so krampfhaft ineinander verschlungen hatte. Ihr Atem ging stoßweise und klang unnatürlich laut, während die letzten Angreifer ihr Leben mit einem Seufzen aushauchten.
Als sich nichts mehr rührte, standen die beiden Vampire mit gesenkten Köpfen inmitten eines Meeres aus Leichen und Blut. Die Gesichter hinter einem Schleier aus blutgetränktem Haar. Heroisch, wie Titanen auf dem Schlachtfeld. Die Spitzen ihrer gesenkten Schwerter ruhten auf dem Boden. Dennoch hielten sie die Waffen noch immer fest umschlossen, bereit jeden Moment erneut zuzuschlagen.
Warum dachte sie bei der Betrachtung der drahtigen Adern, die sich unter der Haut an den Handrücken der Männer wölbten, dass diese sich wie wilde Flussläufe wellenartig an den Armen hochzogen? Sie musste unter Schock stehen.
Im Schein von Rudgers Aura funkelte der Tumalin seines Siegelrings wie ein Stern. Als er sie endlich ansah, zeigte sein Blick Verwirrung und Zärtlichkeit in gleichen Maßen. Und zum ersten Mal konnte sie es sehen. Die Schönheit inmitten des Grauens.
Der Schleier in Rudgers Blick lichtete sich. Seine Augen wurden klar. Dann weiteten sie sich, als sei er soeben unerwartet von der Realität zurück katapultiert worden.
Klirrend fiel sein Schwert zu Boden, während er sie anstarrte. Für einen Moment schien die Welt um sie herum stillzustehen. Es war förmlich spürbar, wie bestürzt er über ihren Anblick war. Selbst aus der Entfernung konnte Leyla sehen, wie ein Schauder seinen Körper durchzog.
Rudger schwankte, als wäre jegliche Kraft aus seinen Gliedern gewichen. Wortlos öffnete er den Mund. Mühevoll rang er nach Worten, konnte das Zittern kaum verbergen. „Leyla“, stieß er aus. „Du bist doch nicht etwa …?“ Seine Stimme brach.
Schnell hob Leyla beide Hände zu einer beschwichtigenden Geste, als ihr klar wurde, warum ihr Anblick ihn so entsetzte.
„Nein, nein, keine Sorge. Ich bin nicht gestorben“, erklärte sie mit dem Versuch eines Lächelns. „Mit Dr. Kilians Hilfe ist es mir gelungen eine Astralreise zu unternehmen.“
Sie stand auf und stieg über einen am Boden liegenden Körper hinweg. „Das war nicht mal sonderlich schwer“, redete sie hastig weiter, als könnten möglichst rasch hintereinander folgende Informationen Einfluss auf seinen Gemütszustand nehmen. „Deinen vampirischen Kräften in mir habe ich es zu verdanken, dass ich Grenzen überschreiten kann, die Menschen normalerweise verwehrt bleiben.“
Während sie unentwegt weitersprach, kam Rudger ihr entgegen. Ein Beben durchzog erneut seinen Körper, als er sie fest in seine Arme schloss. Seine Hände tasteten über ihren Rücken, als könne er nicht fassen, sie bei sich zu haben. Prüfend betrachtete er ihre Arme, um nach Verletzungen zu suchen.
Langsam glättete sich seine Stirn, als die Besorgnis wich. Ein Lächeln erhellte seine Miene. Zärtlich umschloss er ihr Gesicht und küsste sie. „Und wie üblich hast du keinen Gedanken an die Gefahr verschwendet. Du bist unglaublich, weißt du das, Leyla?“
Es war ungewohnt ihn zweimal kurz hintereinander ihren Namen sagen zu hören. Das tat er nur selten.
„Du zitterst“, stellte Rudger fest. „Komm her.“
Bereitwillig ließ sie sich erneut umarmen. Gerne hätte sie behauptet zu frieren, doch in dieser verdammten Anderswelt gab es ja keine Temperaturen. „Ich kann nicht fassen, warum ich mir nicht eins dieser hässlichen Kurzschwerter gegriffen und gekämpft habe. Stattdessen hocke ich mich in die Ecke wie ein verängstigtes Kind.“
Dabei war sie ein eher abgeklärtes Kind gewesen. Tatsächlich war es nichts anderes als Angst, die sie erschütterte. Auch jetzt noch. Das konnte sie sich nicht erklären. Diese Dimension schien ihr ganz und gar nicht zu bekommen.
„Weil deine Instinkte funktionieren, mina Fagreþæ“, sagte er sanft. „Du bist viel zu weit von deinem Körper entfernt.“
Sie kaute auf ihrer Unterlippe, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Noch nie in ihrem Leben, hatte sie sich so schutzbedürftig gefühlt. Ihre Körperfunktionen schienen auf Notstand geschaltet zu sein, obwohl ihr Verstand völlig andere Informationen sendete. „Na toll. Ein stählerner Körper wäre mir lieber gewesen, wenn ich schon in eine andere Dimension reise.“
Seine Stimme klang amüsiert. „Dafür hast du sämtliche Charaktereigenschaften unverändert hierher gebracht.“ Er strich ihr über den Kopf. „Alle physischen Funktionen sind hier eingeschränkt. Du bist verletzbar und kannst getötet werden. Glücklicherweise hat Sergej auf dich aufgepasst.“
„Ich verstehe nicht. Das hier ist doch nur mein feinstofflicher Körper. In Wahrheit befinde ich mich im Operationssaal, also in Sicherheit.“ Ihr rationales Denken erwies sich nicht gerade als hilfreich.
Rudger schüttelte den Kopf. „Jede Verletzung, die du dir in Niflheim zuziehst, wird sich auf deinem physischen Körper abzeichnen. Es ist schon ein Wunder, dass du überhaupt noch Verbindung zu ihm hast. Für gewöhnlich gelingt das nur Grenzgängern über einen längeren Zeitraum.“
„Du meinst, ich hätte allein keine Chance zurückzukehren?“ Das war nun wirklich ein Grund, es mit der Angst zu tun zu bekommen.
„Ich werde dich zurück bringen“, bestätigte er ihre Befürchtung.
„Warum hast du mir nichts von deinem Doppelleben erzählt?“, fragte Leyla.
Ihr Vampir war also sowas wie ein Undercover Agent, dessen Deckung aufgeflogen war. Einen Moment blickte er sie an, als suche er nach den richtigen Worten. Vermutlich war es eher die Entscheidung darüber, wie viel er ihr verriet. „Mein wahres Dasein ist in deiner Welt. Daran soll sich nichts ändern.“
„Wir sollten hier verschwinden.“ Sergej war zu ihnen getreten und reichte Rudger sein Schwert. „Ich glaube nicht, dass diese Kämpfer Modgudrs einzige Waffe waren.“
„Du hast recht. Hier entlang.“ Rudger griff Leylas Hand.
Vertrauensvoll folgte sie ihm durch die Gänge, während Sergej die Nachhut bildete. Rudgers Gegenwart half ihr dabei, sich weitgehend zu entspannen. Sie vertraute ihm. Eine andere Wahl hatte sie ohnehin nicht. Allein wäre sie hier hoffnungslos aufgeschmissen. Zielstrebig wählte Rudger eine Route, als wäre ihm jeder Winkel dieses Irrgartens vertraut. Doch bereits nach kurzer Zeit, zerrte die erneute Höhlenwanderung an ihren Nerven.
© Helene Henke